Kili2010 – Der Berg ruft…

In den letzten Tagen habe ich es bislang nur zwei Mal geschafft, halbwegs mein “Höhentraining” für den Kilimanjaro durch zu ziehen. Das erste Mal am Dienstag und ein zweites Mal am Donnerstag. Jeweils ca. 400-500 Höhenmeter und auf einer Strecke von ca. 6-9 km. Hört sich nicht viel an, wer mich aber kennt, weiß, dass das für mich einiges ist. :)

Heute – Sonntag – starte ich ziemlich genau um Punkt 12:00 von unserer Ferienwohnung nahe der Savogniner Talstation und mache mich auf, zum eigentlichen Startpunkt des “Winterwanderwegs”,  zur wunderschönen barocken Kirche Son Martegn.

12:20 – Ich stapfe jetzt schon keuchend und mit schwerem Schritt den schneebedeckten Weg zur Kirche empor und denke, dass die 7 Liter Wasser, die ich heute morgen für “reellere Bedingungen” (7-10kg müssen wir auf den Kili hochschleppen) in meinen Rucksack gepackt hatte, nicht die klügste Idee war, die ich am heutigen Tag hatte.

An der Kirche angekommen schreit ein kleines Kind und ich kann zum ersten Mal den Effekt meiner neuen Noise Cancelling Kopfhörer austesten. Es funktioniert. Perfekt.

Ich stapfe weiter, die Strasse ist mit einer dicken, glatten Eisschicht bedeckt, auf meine Schulter drücken über 7 kg Gewicht und die -14 Grad kalte Luft brennt in meiner Lunge.
Der von der Seite kommende Wind macht die Situation noch unerträglicher und ich zum ersten Mal am heutigen Tag denke ich, dass diese Kilimanjaro Idee auch nicht klüger war, als die 7 Liter Wasser, die bei jeder Bewegung auf meinem Rücken hin und her schwappen.

12:25 – Langsam finde ich meinen Rhythmus auf diesem Weg, ich verlangsame das Tempo und gehe ganz am Rand der Strasse, dort wo noch etwas Schnee über dem Eis liegt und laufe weiter bergauf, direkt auf den Eingang des Bergwaldes, durch den mich mein Weg führen wird. 7 kg sind verdammt schwer.

12:26 – Ich höre Tracy Chapman und Coldplay und werde langsam ruhiger.

12:32 – Ich habe den Wald erreicht und nach ca. 80 Metern bleibe ich zum ersten Mal stehen, hinter mir Wald, rechts neben mir Wald und vor mir Wald, aber nach links ein fantastischer Blick übers Tal, auf die gegenüberliegenden Berge. Ich merke, dass 7 kg auch nicht leichter sind, wenn man nicht läuft. Tolle Aussichten…

12:34 – Ich muss nicht mehr bewusst langsam gehen, lasse in Gedanken das letzte Jahr Revue passieren, dass privat und geschäftlich mit das Beste und Aufregenste meines Lebens war, dank der tollsten Freundin die man sich nur vorstellen kann und dank erfolgreichen Kooperationen, einzigartigen Teamworks, intelligenten Investments und einem großartigen Partner.

12:45 – Ich komme an einem Brunnen vorbei und mir fällt auf, dass ich außer der kurzen Pause, um den Blick übers Tal zu genießen, in der letzten dreiviertel Stunde noch nicht stehengeblieben bin und das trotz 7 kg Gepäck. Ich merke, dass ich es mir scheinbar nicht oft genug vorsagen kann: sieben kilogramm. Wenn mir jemand gesagt hätte, er jammert wegen 7 kg, hätte ich ihn ausgelacht. 7 kg können doch garnicht so schwer sein… Aber doch, können sie.
Wie auch immer, als ich am Dienstag diesen Weg ging, hatte ich – bis ich zu diesem Brunnen kam – schon sicher 3-4 Pausen eingelegt, also beschließ ich einen Schluck aus einer der Wasserflaschen aus meinem Rucksack mir zu genehmigen, viel trinken ist ja wichtig, außerdem wiegt mein Rucksack danach nur noch 6,9 kg… ;)
Der Vorschlag von meinem Bruder war am Morgen, ich solle doch 15 kg einpacken und würde mich danach freuen, dass ich max. 10 kg auf das 5.895 m hohe Bergmassiv schleppen muss, vielleicht hätte ich seinen Rat befolgen müssen. Egal, weiter gehts.

12:46 – Plötzlich wird mir die Symbolik des Wassers auf meinem Rücken bewusst: Ich trainiere mit Wasser als Gewicht für eine Tour, die Spenden sammeln soll, um afrikanischen Kindern Zugang zu frischem Wasser zu ermöglichen.
Das Wasser auf meinem Rücken besitzt natürliches Calcium und Magnesium, wenig Natrium, natürliche Kohlensäure… Hallo? Tausende von Menschen würden in genau diesem Moment ihr Leben dafür geben, um die doppelte Menge an Wasser die dreifache Strecke zurückzulegen, ohne zu jammern. Wobei “würden ihr Leben geben” wohl nicht ganz passt, vermutlich gaben tausende von Menschen in den Minuten ihr Leben, weil sie nicht die Möglichkeit hatten mit mir zu tauschen und keinen Zugang zu Wasser hatten, geschweige denn sauberes…
Ich beschließe nicht mehr zu jammern und mir wird in dem Moment wieder klar, wie gut es uns, wie gut es mir geht. 7 kg sind nicht schwer, wenn man sich dessen bewusst wird.

12:48 – Ein Tier springt über den Weg, ob es ein Wiesel, ein Marder oder Frettchen ist kann ich nicht sagen und mir fällt auf, dass ich – dank vieler gelesener Berichte in den letzten Tagen – afrikanische Riesenlobelien von Riesensenezien unterscheiden kann, aber keinen heimischen Marder von einem Wiesel (wobei ich damit nicht allein bin).

12:50 – Als ich um eine Kurve biege, sehe ich die Spitze des Berges gold-silbrig glänzen, so wie wohl die Spitze des Kilimanjaro glänzen muss und weswegen man vor vielen hundert Jahren dachte, sie bestünde aus Siber.

12:57 – Da ich den Weg ja schon zum zweiten Mal laufe, weiß ich, dass ich nicht gleich enttäuscht sein darf, wenn ich feststellen werde, dass mich der Weg knapp 100 schon erklommene Höhenmeter nochmals nach unten führt, um danach gleich doppelt so stark wieder anzusteigen.
Gutes Training für den Kili: Am dritten Tag müssen wir ganze 500 Höhenmeter wieder absteigen, um sie am nächsten Tag wieder erneut zu erklimmen.

13:10 – Halbzeit (des Winterwanderwegs). Noch knapp 40min zu laufen.

13:17 – Es begegnet mir ein zweites Säugetier: Ein wildlebendes, aber ungefährliches Exemplar der Gattung Rodler, das mit seinen Kücken gackernd an mir vorbei schießt und hinter der nächsten Kurve verschwindet. Dann ist wieder alles ruhig und friedlich, so wie die letzten 40 Minuten auch.

13:40 – Die letzten 20 Minuten waren ruhig und ohne Zwischenfälle. Die Sonne lacht, die Schuhe sitzen perfekt, das Wandern macht inzwischen Spass und ich komme freudig und voller Energie am Ziel an. Und statt mit der Bahn ins Tal zu fahren beschließe ich – da ich voller Motivation bin (woher auch immer) – den ganzen Weg wieder bergab zu maschieren. Knapp eine Stunde später hat mich Savognin wieder. Müde. Kaputt. Aber auch stolz und in Vorfreude auf den 01.03.2010.

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